Passionsbrief des Landesbischofs

Landesbischof Ralf Meister. Foto: Heiko Preller
Landesbischof Ralf Meister. Foto: Heiko Preller

Was von Anfang an war,
was wir gehört haben,
was wir gesehen haben mit unsern Augen,
was wir betrachtet haben und unsere Hände betastet haben,
vom Wort des Lebens –
das verkündigen wir auch euch,
damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt;
und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater
und mit seinem Sohn Jesus Christus.
Und dies schreiben wir,
auf dass unsere Freude vollkommen sei.
1. Joh. 1, 1.3.4

 

Liebe Geschwister,

wann können wir endlich wieder durchatmen? Wann kommt sie wieder, eine Friedenszeit in Europa, eine Zeit ohne Corona oder Impfdebatten, eine Zeit ohne die schmerzhaften Auseinandersetzungen über sexualisierten Missbrauch in unserer Kirche und die Schuld und die Scham? Wann können wir uns freuen am Frühling, am Kinderlachen, am Sonnenschein, ohne dass sie permanent überschattet werden von großen, beschwerlichen Ereignissen?

Sind es nur noch Erinnerungen, die wir tragen, so wie mancher - übrigens schon seit eineinhalb Jahrhunderten - erklärt: Eure Zeit ist vorbei; Religion und das Christentum spielen keine Rolle mehr. Manchmal erscheint es mir, als wenn wir uns an dieses Krisengerede schon so sehr gewöhnt haben, dass uns mehr oder weniger die Stimme versagt, wenn es um die Sache Christi geht.

Sind die Zweifel an den Verheißungen Gottes so mächtig geworden, dass wir nicht mehr mit IHM und seinem Handeln in unserer Welt rechnen? Erscheint es uns inzwischen selbst fremd zu bekennen: Ich glaube an den Auferstandenen? Und daran, dass er Leiden kennt und wenden kann? Dabei haben wir doch gehört, gesehen, geschmeckt, betastet. Wir gehen doch durch die Passionszeit auf Ostern zu!

Die Ängste, die wir durch diese Passionszeit tragen, sind realistisch und berechtigt. Doch sie bringen nicht den Verlust des Glaubens, sondern sie können auch seine Stärkung mit sich bringen. Wir allein, wir Menschen mit unseren Fähigkeiten und unserer Fehlbarkeit, unserem Egoismus und unserer Selbstliebe, werden unsere Gesundheit, den Frieden, diese Welt nicht erhalten. Selten stand uns das so deutlich vor Augen wie in diesem Jahr. Wir werden dem Menschen kein Morgen gestalten, in dem zu leben sich lohnt. Wir nicht, doch Gott! Denn die Auferstehung muss ja den Anfang machen, um dem enttäuschenden Handeln dieser Welt eine andere Perspektive zu geben. Noch hält alles Unheil an und diese Erde wird weiter gequält. Doch wir wurzeln mit Ostern in einer anderen Gewissheit.

Und diese Gewissheit fordert uns, nicht aufzuhören mit dem Glauben, dem Hoffen und Lieben. Machen wir die Hoffnung, die Gott uns gibt, nicht klein. Wir verraten unseren Auferstehungsglauben, wenn wir nicht teilnehmen am Gestalten dieser Hoffnung, für die Jesus Christus durch die Passion gegangen ist. Denn es ist eine glaubwürdige Hoffnung, die etwas vom Schmerz versteht.

Viele Menschen in der Ukraine und in Russland sind orthodoxe Christinnen und Christen. Die politischen Konflikte und der Krieg polarisieren auch die Kirchen. Die orthodoxe Kirche ist zum Teil gespalten, und es ist verstörend, wie sehr Patriarch Kyrill den russischen Präsidenten unterstützt. Doch er spricht nicht für die russisch-orthodoxe Kirche in der Gesamtheit. Zahlreiche Proteste, unter schwierigsten Bedingungen, von Geistlichen widersprechen ihm.

Gott und die Menschen, auch die Menschen in Russland, sind im Leiden verbunden. Wir leben in Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus, mit dem, der von Anfang an war. Beten wir deshalb gemeinsam und unablässig mit unseren ukrainischen und russischen Geschwistern um Einsicht und Frieden.

Wann können wir endlich wieder durchatmen? Wie können wir hoffen und glauben, dass Friede möglich ist? In diesen Tagen fand ich ein Gedicht von Hermann Hesse: „Dem Frieden entgegen“. Er hat es Ostern 1945 für die Waffenstillstandsfeier des Radio Basel geschrieben. „Kaum zu freuen wagt sich das Herz, ihm sind näher die Tränen“ schreibt er. „Aber wir hoffen. Und in der Brust lebt uns glühende Ahnung von den Wundern der Liebe. … Wollet! Hoffet! Liebet!“

Mit diesem österlichen Aufruf grüße ich Sie herzlich.

Gott segne und behüte Sie!

Ihr
Ralf Meister

Hannover, in der Passionszeit 2022

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